Lesung: Kasperls erster letzter Auftritt

Kasperls erster letzter Auftritt

Von Madge Gill Bukasa

„Niemand entkommt seiner eigenen Geschichte.“, begann die Geschichtenerzählerin.

Weder der Kasperl noch das Krokodil, nicht der Petzi oder der Polizist und auch nicht die Geschichtenerzählerin.

Seit einigen Jahren jedoch hat sich in der Geschichte des Kasperls wenig bis gar nichts getan.

„Seit Jahrhunderten!“, unterbrach der Kasperl. „Meine Geschichte hätte längst ein Update gebraucht.  Aber ich bin ja nicht mehr ‚in‘ genug – wie interessant! Was tut diese Geschichtenerzählerin eigentlich? Jedenfalls nicht ihre Aufgabe!“

So in etwa lautete die Beschwerde des Kasperls; sie war fundamental, böse und verletzend. So hatte der Kasperl die Bühne im Theater noch nie betreten. Und es sollte – wenn es nach ihm geht - das letzte Mal sein, dass man ihn sehen würde. Sehen. Ihn sehen. Das war überhaupt nicht mehr gewünscht.    

Die Geschichtenerzählerin wollte kalmieren. Doch ein scharfer Blick des Kasperls wies sie an, inne zu halten. Er war ernst. Ernster als in den Augenblicken der Gefahr gegen das Krokodil, die er stets gebannt hatte. Ernster, als beim Verschwinden der Bratwürstel oder beim Vergessen des Sauerkrauts. Ein letztes Mal noch wollte sich der Kasperl zeigen. Er, der offenbar von niemandem gebraucht wurde; dabei zog er sein Leiberl hoch, und zeigte die Narbe vom letzten Kampf gegen das Krokodil, die rot schimmerte und leuchtete.

„K“ hauchte die Geschichtenerzählerin liebevoll. Doch der Kasperl kniff die Augen zusammen und zog die Mundwinkel herunter.

„Wen liebt die Prinzessin?“

„Den Prinzen!“ riefen alle.

Da landete die Sauerkrautgabel gefährlich nahe neben der Geschichtenerzählerin. Kasperl hatte sie wie einen Speer nach ihr geworfen.
Nach dem kurzen Schrecken, war die Geschichtenerzählerin plötzlich unruhig. „Ich habe keine Zeit für all das!“ Es schien als könne sie nicht gut Luft holen und atmen, da läutete auch noch ihr Handy; Kasperl zog die Sauerkrautgabel aus dem Boden neben ihr.

„Siehst du“, sagte er abfällig.  

Alle blickten fragend zur Geschichtenerzählerin. „Ein Termin,“ gab sie verteidigend Auskunft.

„Pah!“ stieß der Kasperl hervor. „Und wann war diese Prinzessin das letzte Mal auf der Bühne?“

Die Geschichtenerzählerin dachte nach und konnte sich nicht erinnern. Zugegeben, die Prinzessin war nie da. 100 Jahre hatte sie sie eingeladen und im 101 Jahr hatte sie aufgegeben. Und das war vor 200 Jahren. Nun hatte sie sie vergessen. War das jetzt ihre Schuld?

„Ist es meine Schuld, dass diese Prinzessin die Bühne, die die ihre ist, nicht interessiert?“

Und wieder landete die Sauerkrautgabel neben der Geschichtenerzählerin, dieses Mal auf der anderen Seite, jedoch noch näher als zuvor.

Kasperl zog drohend seine Augenbrauen in die Höhe als wollte er sagen, „jetzt denke scharf nach. Noch eine falsche Antwort…“

Nach einer kurzen Pause sagte er: „Eine echte Prinzessin hat kein Königreich, sie ist ein Königreich und alle sind Gleiche und Freie.“

Die Geschichtenerzählerin ließ das Handy auf den Boden gleiten, als wäre ihr jetzt ohnehin alle Zeit entglitten.
Der Kasperl hatte die Bühne zu einem Gerichtssaal verwandelt. „Und jetzt sagst du mir noch, wo der Prinz ist. Der ist nämlich auch nie da!“ Keiner konnte sich erinnern, den Prinzen überhaupt je gesehen zu haben.

„Ich möchte etwas einwenden“, trat der Petzi hervor.

„Wie heißt du und auf wessen Seite stehst du?“ herrschte der Kasperl ihm im Ton des Chefanklägers an.
„Ich bin der Petzi und so heiße ich auch. Und ich stehe immer auf deiner Seite Kasperl.“
„Gut, du kannst reden“, wies der Kasperl ihn zu sprechen an.

„Ich denke, es liegt an der Art, wie wir miteinander sprechen.“, begann der Petzi. Keiner wusste, worauf der Petzi hinauswollte. Nur der Kasperl verneigte sich vor der Weisheit seines Freundes. Er war ein Königreich, dieser Petzi.

 „Ich habe die Prinzessin immer eingeladen. Aber sie sagte jedes Mal ab. Und sie sagte ‚Eine Prinzessin ist eine Schlampe! So habe ich es über mich gehört.‘“

Die Geschichtenerzählerin war alarmiert, schließlich waren Kinder im Publikum. Einigen Kleinen war sogar plötzlich zum Heulen zumute, obwohl sie dieses Wort gar nicht kannten.

„Was ist schon ein Wort!“, knurrte da das Krokodil.
Niemand– nicht einmal der Kasperl – hatte bemerkt, dass sich das gefährliche Krokodil mitten auf der Bühne befand.
Schnell warf die Geschichtenerzählerin dem Kasperl die Sauerkrautgabel zu. Der stieß den Petzi mit dem Fuß beiseite, erfasste die Sauerkrautgabel und hielt sie dem Krokodil sogleich an die Kehle.

„Ein Wort Krokodil, bezeichnet das, was es ist.“, sagte der Kasperl.

„Wie primitiv!“ stieß das Krokodil hervor und ging einen Schritt zurück. „Sieh mich an. Ja, ich bin ein Krokodil, doch ich bin auch so viel mehr! Ich bin euer Gewissen. Ich bin eure Freundschaft. Ich bin euer Heldentun, Kasperl! Ohne mich, passiert hier gar nichts! Du könntest sagen, ich bin euer König!“

„Moment!“ stieß die Geschichtenerzählerin schrill hervor, weil sie begriff, dass alles aus den Fugen geriet. „Krokodil, du bist das Krokodil. Du bist kein König. Und du willst alle Leute fressen, weil dir Würstel mit Sauerkraut nicht schmecken.“

„Und was ist mit dem Update, Prinzessin?! Ähm Geschichtenerzählerin ...“, korrigierte sich der Kasperl und hielt dem Krokodil wieder die Gabel etwas näher an die Kehle heran, denn in den vergangenen Jahrhunderten hatte dieses Krokodil nicht eine einzige Gelegenheit ausgelassen, zu versuchen, ihn zu fressen.

„Du Geschichtenerzählerin hast nämlich deine Nase, die ganze Zeit in deinem Handy!“

Die Geschichtenerzählerin, die nur kurz ihre Insta-Posts kontrollieren wollte, legte das Handy peinlich ertappet wieder beiseite. Dann lächelte sie gewinnend. Doch der Kasperl war nicht zu umschmeicheln.

Sie kniff die Augen etwas zusammen, runzelte ihre Stirn und spitzte auch die Lippen als wollte sie Aufmerksamkeit signalisieren.

„Das fehlende Update, Prinzessin?“ Und dieses Mal korrigierte sich der Kasperl nicht. „Euch ist gar nicht aufgefallen, dass ich, der Prinz, in all den Jahrhunderten zum Kasperl geworden bin und dass die Prinzessin längst diese Geschichtenerzählerin geworden ist, weil sie an so einer Geschichte, wo sie immer nur beschimpft wird, gar nicht mehr teilnehmen wollte.“

Da senkte die Geschichtenerzählerin ihr Haupt. „Ja, es ist wahr. Danke Petzi, für deine lieben Worte und dein Zureden zurückzukommen, ich habe es versucht. Doch das S-Wort ist nicht nur schrecklich hässlich, es macht mich zu einem Nichts. Als wäre ich nie da gewesen. Also, habe ich mich transformiert … in die Geschichtenerzählerin,“ beichtete sie.

„Und noch etwas“, nutzte der Kasperl den Moment der Wahrheit. Er senkte die Sauerkrautgabel von der Kehle des Krokodils und alle spürten sofort die Gefahr.

„Ich bin krank. Ich habe nämlich Krebs.“ Da lachte das Krokodil laut und böse, und es hielt sich dabei den Bauch vor Lachen, weil es gar nicht mehr aufhören konnte.

Doch als diese Worte die Ohren der Geschichtenerzählerin trafen, begann sie vor Schmerzen am ganzen Körper zu zittern. Nun wollte sie überhaupt nicht mehr da sein und sie wollte nie wieder, nie, nie, nie, nie, nie wieder zurückkommen.

Da kam der Polizist pfeifend des Weges. Und auch wenn dieser Polizist nie da war, wenn er gebraucht wurde, jetzt kam er allen gelegen.
Der Petzi schnappte sich den Knüppel des Polizisten und schlug damit auf den Kopf des Krokodils ein. Und das Publikum klatschte so lange, bis der Petzi das Krokodil zum ersten Mal alleine in die Flucht geschlagen hatte.

Als die Gefahr gebannt war, wandte sich der Petzi zum Kasperl um: „Du Kasperl, egal ob du der Prinz oder der Kasperl bist, wir sind Freunde und ich will nicht, dass du stirbst.“

Die Geschichtenerzählerin war in Tränen aufgelöst und schluchzte „Ich habe das Update gemacht. Ich bin von der Prinzessin zu der Geschichtenerzählerin geworden, damit ich die Macht über die Geschichten habe. Dafür musste ich mich selbst aus der Geschichte herausnehmen. Das war der einzige Weg, um dich zu retten! Nur dann ist niemand mehr in das Theater gekommen. Nur manchmal war noch Publikum da.

Kasperl, jede Geschichte wird wie alle Geschichten irgendwann zu Ende gehen. Aber nicht mit deinem Tod, Kasperl, solange ich die Geschichtenerzählerin bin.“

Der Kasperl blickte die Geschichtenerzählerin fragend an, die jetzt so groß und weit entfernt schien, wie noch nie seit sie diese Bühne erstmals gemeinsam betreten hatten. Insgeheim wünschte er sich, sie hätte etwas anderes gesagt…. etwas wie…

…da fluchte das Krokodil aus der Ferne…

„Du Schlampe von einer Geschichtenerzählerin. Irgendwann fresse ich dich!“

(Ende)



Im Rahmen der Ausstellung Phantasie und Tagträume

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